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Heute wurde der Artikel etwas laenger, ist daher aber auch extrem lesenswert, da sehr viel passierte.Also, viel Spass!
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Am Montag verliessen Abraham und ich bereits nach dem Mittagessen die Schule um in die Hauptstadt Keralas –Trivandrum bzw. Thiruvanathapuram- aufzubrechen. Die Entscheidung zu einem groesseren Ausflug kam am Sonntag Abend sehr spontan als ein Landesweiterstreik in Kerala fuer Dienstag angekuendigt wurde: Grund fuer den Kerala Volksaufstand ist eine Preiszunahme des Benzins und Diesel, das etwa von 20 Cent pro Liter auf 23 Cent pro Liter angestiegen ist – Unverschaemtheit! Naja, jedenfalls fahren somit hier in Kerala am Dienstag keine Autos, zumindest sollen keine fahren, und die Geschaefte bleiben bis um 18:00 Uhr geschlossen. Da bei einem Streik hier also alles flachfaellt, faellt natuerlich auch die Schule aus! Und ohne Schule und ohne Geschaefte, ist ja fuer uns ja recht wenig zu holen, daher die Entscheidung „Wir fahren ueber Trivandrum nach Kanniyakumari, das im Nachbarstaat Tamil Nadu liegt, und machen einen netten Ausflug!“
Trivandrum
Keralas Hauptstadt erreichten wir wohlklimatisiert! Das klingt trivial, ist aber essentiell, da morgens noch die Klimaanlage des guten Tata-Mobils ausgefallen war und ohne A/C 5-6 Stunden in Indien reisen, nein danke! In Sachen Abkuehlung wuerde der Fahrtwind zwar vollkommen ausreichen, aber in den Staedten trieft die Luft so dermassen vor Abgasen und jedes Busueberholmanoever wird zur Lungenbestandsprobe. Nun gut, die A/C funktionierte wieder, das Fernlich nicht, wie sich spaeter rausstellen sollte.
Nach 2 Stunden kamen wir in Trivandrum an und fuhren gleich in einen netten Park mit exotischen Baeumen, Tieren und einem netten, indo-historischen Gebaeude seiner Mitte. Fragt nicht was es war, ich weiss es nicht! Wir sahen das Regierungsgebaeude, das Cricket- und Sportstadion, das British Museum, ein paar Kuehe, Ziegen, Moscheen, Kirchen, Kathedralen und Tempel. Der groesste und beeindruckendste Tempel Trivandrums ist inmitten der alten Stadtmauern. Hatte schon etwas orientalisches als wir durch das Stadttor auf die andere Seite der Stadtmauer fuhren. Ein kleiner See vor dem Tempel, viele Hindus, die sich und ihre Kleider darin waschen, Rickshaws, Menschen ohne Ende. Als Christ durfte ich leider nicht in den Temple rein, aber wir trafen uns schon bald sowieso mit A.’s Cousine und gingen ein wenig shoppen bevor wir uns weiter mit dem Tata in Richtung Sueden machten.
Kovalam Beach
Kovalam ist eines der schoenen Touristenziele Keralas. Grund dafuer ist – logisch – der beach! Weisser Sand, Palmen ohne Ende, ein paar Fischerboote und eine Menge weisser bzw rotgefaerbter Gesichter. Die Sonne war langsam bereit unterzugehen und uns blieb nur noch Schuhe aus und ab ins Wasser. Nachdem wir dann ein wenig am Strand spazierten, setzten wir uns in den Sand und warteten auf den Sonnenuntergang, der schon bald und in voller Pracht kam. Ein Bild fuer die Goetter: Die Sonne versinkt im Arabischen Meer, dieses Bild akustisch begleitet vom Laerm der riesigen Wellen, die sich kurz vor dem Ufer brachen. Kovalam Beach, wenn auch ein wenig touristisch, aber jederzeit wieder. Bald machten wir uns dann erneut wieder auf den Weg in Richtung Suedspitze. Doch die Fahrt gestaltete sich abermals als Mutprobe und ich weiss nun wirklich was es bedeutet Angst zu haben! Wie bereits bei der Fahrt zurueck vom Schulfest in Kalayapuram, bot sich mir das erschreckende Bild eines halbblinden, fahrkuenstlerisch grobmotorischen Inder auf den Strassen seines heiligen Landes, dem zudem gestern auch noch das Fernlicht entsagte. Das ist in zweierlei Hinsicht ein Problem: Erstens ist das normale Abblendlicht eines Tata so ausgelegt, dass es selbst heilige Kaelber bei Standgroesse 1.20m nicht blenden kann und man daher nur die unmittelbar bevorliegenden Schlagloecher bei max. 30km/h rechtzeitig erkennt. Zweitens gehoert es zu den inoffiziellen Indischen Verkehrsregeln, dass man in Notsituationen – z.B. bei zweifach entgegenkommendem Verkehr – vor der Bremse erst noch Hupe und Fernlicht betaetigt. Hupe funktionierte einwandfrei, nur das staendige Ausbleiben des Fernlichtsignals verunsicherte meinen Fahrer und Mentor dermassen, dass seine grundlegende Grobmotorischkeit nur eine weitere Reaktion in der Notsituation, die ungefaehr minuetlich vorkommt, zuliess: Statt Fernlicht einfach Licht ganz ausschalten! Dies hatte zur Folge, dass bei starkem Verkehr auf dem National Highway 47 sekundenlang aufgrund des entgegenkommenden Fernlichts weder wir den Gegenverkehr, noch der Gegenverkehr uns sehen konnte, da wir komplett ohne Licht im Dunkeln fuhren. Mathematiker unter meinen Lesern duerfen gerne ausrechnen, wie oft waehrend der 300km langen Fahrt, Fahrzeit ca. 5 Stunden, mein Leben im Zeitraffer an mir vorbei zog, wenn bei Dunkelheit minuetlich eine Gefahrensituation auftritt, wir aber nur 2/3 der Fahrt im Dunkeln verbracht haben.Regelrecht erleichtert war ich, als irgendwo kurz vor der Landesgrenze ein Stau auftrat und nichts mehr ging, zumindest fuer kurze Zeit.
Padmanabhapuram, Tamil Nadu
Der Bundesstaat Tamil Nadu erstreckt sich uebrigens von Chennai, Madras an der Ostkueste Indiens bis zur Suedspitze, zu der wir unterwegs waren. Der Aufenthalt eines Keralanesen in Tamil Nadu ist nicht ganz mit dem eines Rheinland-Pfaelzer in Baden-Wuerttemberg zu vergleichen, da man in Kerala Malayalam und in Tamil Nadu Tamil spricht. Auch wenn ich gerade von manch einem ba-wue Dialekt gerne behaupten wuerde, es komme einem vor wie eine Fremdsprache,…es ist nicht das selbe! Irgendwann nach schlafloser Fahrt durch die Nacht kamen wir dann gegen 11 Uhr am Haus von A.’s Freund an. Dieser ist so etwas wie ein Moerder-Mega-Marmor-Mogul mit mehreren Marmorfirmen und seine Huette, gebettet unter Palmen, umringt von einem Zen-konstruierten Fluesschen mit Wasserfall haucht so manch einem orientalischen Traum Leben ein. Das Haus, natuerlich voll mit Marmor, war gebaut im Arabischen Stil, eine grosse Eingangshalle, ringsherum ein Balkon, grosse Holztueren, der Rest war einfach nur Marmor und…Gold! Soviel zu meiner Unterkunft der letzten Nacht, zumindest dachte ich ich wuerde die komplette Nacht in meinem Gaestezimmer, mit Marmorbadezimmer und Blick auf einen See mit Palmenhain verbringen. Doch nach einem Rundgang, einem Tee, diversen Fruechten, die es hier im garten gibt und die ich noch nie zuvor sah, packten wir ein paar Matten ins Auto, die Frau brachte essen und wir fuhren mit seinem Landrover (inkl. DVD Player, Bildschirmen in den Sitzen, aber kein Marmor) etwa 20km an einen absolut abgelegenen, untouristischen Strandabschnitt mit riesigen Wellen. Mittlerweile war es Mitternacht und wir sassen da im Mondlicht auf weissem Sand am Indischen Ozean und haben Chapati, Gemuese, Reis und Bananen vom feinsten gefuttert. Nach dem Essen, erstrecht um diese Uhrzeit, wird man bekanntlich muede, was in unserem Fall bedeutete, dass wir erstmal schoen 4 Stunden im Sand geratzt haben. Sternenklarer Himmel, laute Brandung, warmer Sand, ein Marmormogul, ein Priester und ein Student, der gerade wohl gar nciht weiss, was er geiles erlebt.Zurueck im Palast durfte ich dann auch endlich (wobei das Sandbett auch nicht zu verachten war) in mein Orientbett und schlafen bis mir morgens um 9 von der Tochter des Hauses Tee ans Bett gebracht wurde. Sie ist schnuckelige 5 Jahre alt und haette keinen besseren Namen verdient: Princy! Es folgte ein ungewoehnlich aber sehr leckeres Fruehstueck. Ungewoehnlich wohl auch nur fuer den Europaer und der Kombination wegen.Reiskuchen (warm), dazu Erbseneintopf, Papadam (das etwas suesse,fluffige Brot), dann eine Banane „reinmatschen“ und dann Zucker drueber. Klingt etwas komisch, schmeckt aber in der Zusammenstellung ausgezeichnet!
Kanniyakumari
Nach dem Fruehstueck gings dann endlich los an den 15 km entfernten Suedzipfel. Vorher fuhren wir die Toechter zur Schule, Princy kam mit uns. Daddy wollte eigentlich zuerst nicht mitkommen, da die Geschaefte nicht ruhen koennen, entschied sich dann aber doch dazu uns Gesellschaft zu leisten. Er nahm sein Handy, sein Notizbuch, setzte sich auf den Beifahrersitz und erledigte seine Geschaefte von dort aus, waehren sein Chauffeur und kutschierte. Die Landschaft in diesem Teil Indiens ist anders als in Kerala. Es gibt mehrere freie Landflaeschen und vor allem Berge, dazu ein paar Seen,…einfach schoen. Auf dem Weg statteten wir noch einen Besuch bei einer Baustelle ab, in der momentan Marmor verlegt wird, was sonst?! Aber es war interessant, besonders fuer mich, denn es handelte sich um ein Kinderkrankenhaus, das naechsten Monat Einweihung feiert und komplett von einer Deutschen ins Leben gerufen und finanziert wurde. Als Deutscher wurde ich da natuerlich auch recht herzlich empfangen. Es ist ein sehr schoenes Gebaeude mit See und einem Berg dahinter, traumhaft und auch die Ausstattung ist vom feinsten. Ein sehr schoenes Projekt. Auf dem Weg von dort nach Kanniyakumari fuhren wir dann eine Abkuerzung entlang eines Flusses. Hier sah ich dann das, was viele von Indien kennen, aber es ist immer etwas anderes wenn man es selbst sieht. Frauen, die sich und ihre Waesche im dreckigen Flus waschen, Kuehe, Esel, Elefanten, Huetten aus Stroh, die man sonst aus Museen oder dem Fernsehen kennt. Hier leben die Leute tatsaechlich ein Leben lang darin, ohne Strom , ohne Trinkwasser. Frauen transportieren schwere Kannen mit Wasser auf ihrem Kopf, Kinder spielen nackt im Dreck. Armut, aber Zufriedenheit. Als wir endlich am suedlichsten Punkt des Kontinents angekommen waren, setzten wir uns gleich auf ein Boot, das auf eine der zwei vorgelagerten Inseln mit den Wahrzeichen und Museen fuhr, selbstverstaendlich entfiel fuer uns das laestige Anstehen und Bezahlen, da Mr. Marmor da wohl jemanden kannte. Auf der Insel war dann leider ein wenig Massentourismus angesagt und Verantwortliche manoevrierten Touris mit Trillerpfeifen vom Boot und andere wieder aufs Boot. Auch das „Museum“ an sich hatte nicht allzu viel zu bieten, nur die Aussicht auf denn Indischen Ozean, den Golf von Bengalen und das Arabische Meer war traumhaft, vor allem, da man die unterschiedlichen Farben der Meere zusammenfliessen sah.Bevor wir dann zum Mittagessen gingen, machten wir kurz halt in einer traumhaften Parkanlage, die der Oeffentlichkeit eigentlich verschlossen blieb, die Gaerten des Southern Office of the Bank of India. Hier hatte jemand wieder schnell ein paar Geschaefte zu erledigen. Alles geregelt, ging es dann in ein schniekes hotel, wo wir von unserem Gastgeber eingeladen wurden. (Meine finanziellen Ausgaben seit meiner Ankunft in Trivandrum beschraenken sich auch ca. 100 Rupees fuer Wasser und 500 Rupees fuer den Zug nach Mumbai, so macht Urlaub Spass).
Nagercoil
Auf dem Rueckweg machten wir erneut einen Abstecher vom Highway und ich verstand erst gar nciht warum und wohin wir fuhren, aber als ich dann im ersten Dorf nach dem Highway, direkt am Meer, die Haeuser und Huetten sah, war klar wo wir waren und was hier passierte. Menschen sassen vor den Haeusern in der heissen Sonne, andere arbeiteten fleissig und transportierten Steine, bauten Haeuser und versuchten zusammen mit der hilfe vieler Haende das wieder aufzubauen, was ihnen vor wenigen Jahren zerstoert wurde. Ich war mitten im Gebiet, das der Tsunami 2004 komplett verwuestet hatte. Je weiter wir fuhren, desto mehr Geroell, Bauschutt lag am Strassenrand, ueberall sah man Grundmauern von Haeusern, alles was daruber war war abgerissen. Mehr als 1000 Menschen hat der Tsunami in Tamil Nadu das Leben gekostet und weit mehr haben ihr zu Hause verloren. Heute, bei strahlend blauem Himmel, Palmen und Sonnenschein praesentiert sich die Region oberflaechlich als Paradies, aber der Schein truegt und das Leben der Menschen hier direkt am Meer ist nicht annaehernd so schoen wie es sein koennte. Hunde streunen durch die Gassen, Haeuser ohne Dach, Mauern ohne Haus, das Bild, das sich mir bietet ist sehr frustrierend, aber zugleich zeigt es auch die Natur der Menschen, denn ueberall wird gebaut, man baut sich wieder ein zu Hause, genau da wo es einem durch den Tsunami genommen wurde.
Heimfahrt
Die Heimfahrt nach Sasthamkotta konnte zum Glueck bei Tageslicht stattfinden, doch auch hier sollte nicht alles absolut reibungslos verlaufen. Denn wie erwaehnt war heute in Kerala ein Streik angesetzt gegen zu hohe Benzinpreise. So sollten heute keine Fahrzeuge auf Keralas Strassen rollen und vor 18:00 Uhr keine Geschaefte geoeffnet sein. Da wir aber nach Hause mussten, brachen wir, wie viele andere auch, diese Aufforderung zum Streik. In vielen Staedten die wir passierten sah man Demonstrationszuege durch die Strassen an uns vorbei ziehen, doch in einer Stadt kurz vor Trivandrum entkamen wir in den engen Gassen der Demo nicht. Wir fuhren links ran, Motor aus und warteten bis der Zug von indischen Maennern an uns vorbei war um dann weiter zu fahren. Als die Demonstranten aber uns und die Leute in den Autos vor und hitner uns am Steuer sitzne sahen und daraus schlossen, dass wir sie wohl nicht in ihrem Streiken unterstuetzten, fingen sie schnell an emotional auf unser Auto einzupruegeln, schlugen im vorbeigehen gegen Fensterscheiben, Polizisten mit Schlagstoecken schritten ein, Bilder wie man sie aus Pakistan etc. kennt. Liebe Mathematiker, fuegt diesen Moment der Angst bitte auch noch zu eurer Kalkulation hinzu. Alles in allem war es ein schoener Ausflug in den Sueden, voll von schoenen, interessanten, traurigen, beaengstigenden Eindruecken. Fotos gibt’s bald